Burkas
   
  Wolfgang Ullrich
   
  Meine sehr geehrten Damen und Herren,

"Inshallah" ruft Beate Passow uns mit dem Titel ihrer Ausstellung entgegen: Wenn es Allah, wenn es Gott beliebt. Und in die Welt des Islam versetzt uns nicht nur dieser Titel, sondern auch eine Reihe von Bildern, die Sie hier sehen können – und die heute zum Teil zum ersten Mal überhaupt gezeigt werden.
Natürlich fallen die Fotos mit den farbkräftigen Burkas zuerst auf (sie sind eigens für diese Ausstellung entstanden): Jeweils ein, zwei oder drei Personen haben sich ganz verschleiert, so daß man nichts mehr von ihnen erkennen kann. Bei den meisten ist nicht einmal zu sehen, ob Männer oder Frauen unter der Burka stecken – doch da man bei Burkas gleich an den Islam denkt, nimmt man auch fraglos an, daß es sich um Frauen handeln muß. Beate Passow hat die Burkaträgerinnen aber nicht etwa in Riad, Teheran oder Tripolis fotografiert, sondern in Deutschland – vor der Frankfurter Börse, auf einem Motorrad mit Donauwörther-Kennzeichen, in einem bayerischen Biergarten. Sollte es also schon so weit gekommen sein, mag mancher befremdet, vielleicht auch besorgt fragen, daß man auch hier in Deutschland überall so offensichtliche Zeichen islamischer Kultur wiederfinden kann? Hat sich bei uns, im christlichen Abendland, gar bereits die von manchen Medien und Politikern prophezeite islamische Parallelgesellschaft etabliert? (Manche von Ihnen denken vielleicht auch an die Ausstellung von Bruno Wank im letzten Jahr, als das Künstlerhaus Marktoberdorf ja bereits einen sechzehn Meter hohen Turm verliehen bekam, der wie ein Minarett erschien – und als damit ebenfalls Formen aus der islamischen Welt plötzlich ganz präsent wurden.)
Aber damit kein falscher Verdacht aufkommt: Es braucht nicht verheimlicht werden, daß Beate Passow diese Fotos eigens inszeniert hat. Es würde wohl doch zu lange dauern, bis man in einem Fitneßstudio auf zwei Burkaträgerinnen träfe, die man fotografieren kann. Und daß eine davon dann auch noch rot lackierte Fußnägel hat, erscheint erst recht unwahrscheinlich. Mit solchen Details gibt die Künstlerin sogar einen klaren Hinweis auf den inszenierten Charakter dieser Bilderserie. Und sobald man das bemerkt, ändert sich auch die Reaktion auf die Fotos. Man genießt die Situationskomik, die in ihnen liegt, stellt sich z. B. vor, wie die Biergartenbesucher mit dem Kontrast umgegangen sind, der durch die Burkaträgerinnen entstanden ist. Schließlich kann man über die Bilder sogar richtig lachen, das verhohlene oder ganz konkrete Befremden, das man zuerst verspürte, tritt in den Hintergrund. Aber – so mag man vielleicht fragen – zeigt uns Beate Passow dann nicht einfach ein faschingähnliches Verkleidungsspiel? Und dürfen über so schwere Themen wie Religionen, ja über kulturelle Differenzen überhaupt Witze gemacht werden? Wird der oft beschworene "Kampf der Kulturen" damit nicht zu leicht, zu humorvoll genommen?

Wer Beate Passow und ihre Arbeit etwas näher kennenlernt, weiß, daß in ihrem Humor viel Ernst und vor allem eine höchst sensible politische und soziale Haltung steckt. Beate Passow ist eine politische Künstlerin – aber keine Künstlerin der politischen Parolen und einfachen Bekenntnisse. Dazu ist sie zu subtil. Das machen schon die beiden gegenläufigen Reaktionen deutlich, die sie gerade mit den Fotos der Burka-Trägerinnen bei uns auslöst: Befremden und Erheiterung, Sorge und Lachen. Und wenn Sie den Titel der Serie lesen, dann bleiben die Gefühle weiter ambivalent: "Mode und Bewußtsein" heißen die Fotos. Sich bunte Burkas als Mode, vielleicht als letzten Schrei einer multikulturell aufgeschlossenen Jugendkultur vorzustellen, läßt uns wieder schmunzeln – aber die Vokabel "Bewußtsein" erinnert daran, daß diejenigen, die Burkas tragen, das nicht tun, weil es modisch ist, sondern weil sie damit eine Gesinnung – eben ein religiöses Bewußtsein – zum Ausdruck bringen wollen – oder müssen. Und schon ist es mit der Heiterkeit wieder vorbei, und man denkt ebenso besorgt an die Unterdrückung der Frauen im Islam wie an fundamentalistische Tendenzen, die hier im Westen häufig, sicher zu Unrecht, mit der Verschleierung gleichgesetzt werden. Was man einerseits also als farbenfrohe Abwechslung, als bunt und bereichernd empfindet, weckt anderseits Mißtrauen – und Zweifel, ob wir nicht manchmal zu leichtfertig mit unserer Freiheit umgehen, ja ob wir uns nicht vielleicht etwas zu naiv für kulturelle Vielfalt begeistern.

Die Arbeit von Beate Passow entläßt uns nicht aus dem Dilemma, daß wir kaum entscheiden können, wie wir das Gezeigte finden sollen. Es gibt keine eindeutige Auflösung, wonach Burkas gut oder schlecht sind. Wiegesagt: Beate Passow ist keine Frau der politischen Parolen. Sie versteht es vielmehr meisterhaft, politische oder moralische Problemlagen unverkürzt, in ihrer gesamten Komplexität, nicht auf den Punkt, aber in ein Bild zu bringen. Ja, sie findet immer wieder Bilder für große Themen unserer Zeit.
Nun mag man fragen, was das bringen soll, wenn wir in einer Reihe von Bildern nochmals vorgeführt bekommen, was als Problem oder Dilemma auch in den Abendnachrichten, in Polit-Talkrunden oder in Leitartikeln der Tages- und Wochenzeitungen zur Sprache kommt. Ist eine solche Fotoserie wie "Mode und Bewußtsein" dann nicht nur tautologisch? Ich würde diese Frage natürlich nicht stellen, wenn ich sie nicht auch klar verneinen könnte: Nein, Beate Passows Fotos beschränken sich keineswegs auf eine bloße Wiederholung von längst Bekanntem. Denn die Kunst kann etwas anderes als die Massenmedien - und Bilder können etwas anderes als Worte. Im Unterschied zum Sprichwort würde ich zwar nicht behaupten, daß ein Bild mehr sagt als tausend Worte, aber es kann unmittelbarer und, vor allem, emotionaler wirken. Es muß durch Worte, durch Diskurse und ein Umfeld vielleicht schon vorbereitet sein, um sich einzuprägen, aber dann kann es uns tiefer bewegen als ein Argument. Bereits vor zehn Jahren bemerkte Beate Passow in einem Interview für das "Kunstforum", daß sie an "das emotionale Potential der Kunstwerke" glaube. Und weiter: "Damit kann ich das Publikum treffen, ohne es intellektuell überzeugen zu müssen."

Doch kennt Beate Passow auch die Grenzen, die politischer Kunst gesetzt sind. Das 'Treffen' des Publikums, ja das Wirken, ist nämlich nicht gleichbedeutend mit einem Bewirken. So sagte sie in demselben Interview auch: "Daß sich mit Hilfe von Kunst irgend etwas verändern läßt, daran glaube ich nicht. Wenn ich das glauben würde, oder wenn mir z. B. die Botschaft wichtiger wäre als die künstlerische Methode, dann müßte ich ein anderes Medium wählen." Tatsächlich fiele es schwer, Beispiele politischer Kunst zu nennen (von Beate Passow oder anderen KünstlerInnen), die dazu führten, daß Gesetze geändert oder Schuldige verhaftet wurden. Und das Auslösen konkreter Veränderungen darf auch nicht der Maßstab sein, an dem politische Kunst gemessen wird. Dazu gibt es andere Medien und Möglichkeiten, und es hieße, die Kunst zu reduzieren, ihre Besonderheiten zu mißachten, wenn man sie nach denselben Kriterien beurteilte wie eine Werbekampagne, eine Demonstration oder das Wahlprogramm einer Partei.

Was aber ist das Besondere der Kunst? Und was heißt es, wenn Beate Passow (wie zitiert) die "künstlerische Methode" über die "Botschaft" stellt? Wieso, vor allem, macht jemand politische Kunst, der nicht erwartet, damit etwas zu verändern? Diese Fragen sind einfacher zu beantworten, als man zuerst vielleicht denkt. Und dazu muß man sich nur wieder klar machen, was die Arbeiten von Beate Passow auslösen.
Nicht nur bei der Serie "Mode und Bewußtsein" werden ganz verschiedene Gefühle geweckt; bei anderen Serien verhält es sich ähnlich. So freut man sich etwa zuerst über das verschmitzte Lächeln einiger alter Chinesinnen auf Fotos der Serie "Lotuslillies" (2000) (im ersten Stock). Wie sie in ihren blauen Hemdblusen in einem Hotelfoyer oder in einem Hauseingang sitzen, machen sie einen 'aufgeräumten' Eindruck, und die Fotos vermitteln viel Flair und Details aus einer Lebenswelt, die uns fremd ist, aber auch neugierig macht. Wer genauer hinschaut, entdeckt jedoch, daß alle abgebildeten Frauen seltsam kleine Füße haben. Zwar mit fein bestickten Stoffschuhen bekleidet, können diese Frauen kaum gehen. Tatsächlich sind sie Opfer einer Tradition, die erst die Kommunisten verboten haben und die Ausdruck eines chinesischen Schönheitsideals war: Mädchen wurden von klein an die Füße so abgebunden, daß sie nicht wachsen konnten und verkrüppelt wurden. Die kleinen staksenden Schritte, die dann nur möglich waren, galten als erotisch – die Frauen ließen sich dann besser verheiraten.

Wie bei den Burkas verdeckt der schöne Schein – hier: die bestickten Schuhe – also eine Unterdrückung der Frau – und wieder wählt Beate Passow für ihre Arbeit nicht den direkten Weg der Anklage oder der Schockfotos, sondern den indirekten der subtilen Inszenierung. Das führt einmal mehr dazu, daß der Betrachter in ein Wechselbad der Gefühle gerät und deshalb nicht so schnell von den Bildern loskommt – in der Erwartung, vielleicht doch noch eine eindeutige Lösung zu finden. Der Blick bleibt aber auch wegen der Art und Weise, wie Beate Passow ihre Sujets fotografiert, auf den Bildern haften: Die unerwarteten Milieus, die Details, ja der erzählerische Duktus der Fotos laden zu längerer Betrachtung ein, die dann auch fließend in Reflexion oder in ein Weiterdenken übergeht. Man macht sich plötzlich Gedanken über die Menschen, die auf den Bildern zu sehen sind. Man fragt sich, wie die alten Chinesinnen fühlen, was sie alles erlebt haben, was für Überzeugungen sie haben – ob sie unter ihrer Verstümmelung leiden oder ob sie gar stolz darauf sind. So gelingt es Beate Passow, uns sonst ganz fremde Menschen näher zu bringen – oder zumindest ermeßbar zu machen, worin sie uns fremd sind. Mit anderen Worten: Unsere Einbildungskraft wird stimuliert, wir fangen an, über den Horizont unserer eigenen Welt hinauszudenken.
Daß man versucht, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, ist aber eine besondere Leistung der Kunst und ihrer Bilder! Ihre Bilder erweitern die Einbildungskraft, ja ihre Bilder führen dazu, daß Zahlen, Daten, Fakten, geschichtliche Ereignisse oder Mentalitäten sinnlich erfahrbar und damit für uns auch erst real werden. So bewirken sie zwar nichts Konkretes – die Tradition der Fußverstümmelung ist, wie erwähnt, ohnehin bereits verboten –, aber mit ihnen werden wir ganz allgemein sensibler für die Vielzahl möglicher Schicksale. Auch wenn die Betrachtung von Kunst wie der Beate Passows nicht genügt, um zu einem besseren Menschen zu werden, trägt sie sicher dazu bei, mehr Einfühlungsvermögen zu entwickeln und bewußter auf das zu achten, was anderen Menschen widerfährt, was man ihnen vielleicht selbst antut oder, generell, was mit ihnen los ist. Und insofern ist die Kunst von Beate Passow auch politisch!

Sie ist so politisch, wie es ehedem, im 18. Jahrhundert, die Kunst vieler Aufklärer war. Auch ein Lessing hat seine Theaterstücke schon nach der Maxime geschrieben, daß dadurch "unsere Fähigkeit, Mitleid zu fühlen, erweitert" werden soll. Zentral wurde der Gedanke, über das Wecken der Einbildungskraft mehr Sensibilität, ja mehr Mitmenschlichkeit zu schaffen, aber vor allem innerhalb des amerikanischen Pragmatismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Philosophen wie John Dewey bezeichneten die Einbildungskraft als "das wichtigste Instrument des Guten" – und erkannten in der Kunst das Feld, das die Einbildungskraft am stärksten zu beleben vermag. Wie man mit Menschen umgeht, hängt von der "Kraft ab, sich selbst imaginativ an ihre Stelle zu setzen", war die Überzeugung von Dewey und anderen. Die Kunst war ihnen wichtiger als die Moralphilosophie oder der Zeigefinger des Pfarrers, um das Leben zwischen den Menschen und vor allem auch zwischen den Kulturen humaner zu gestalten.

Dabei reicht Beate Passows Interesse an anderen Menschen, ihre Aufmerksamkeit so weit, daß sie sich nicht nur der Opfer von Unterdrückung und Gewalt annimmt, derentwegen sie oft auch weite Reisen unternommen hat. So hat sie also nicht nur die Arme ehemaliger KZ-Insassen weltweit fotografiert und hat nicht nur die Chuhas in Pakistan zum Thema einer Fotoserie gemacht, die als Menschenopfer in einem Sufi-Heiligtum dargebracht und geistig und körperlich mißgebildet wurden, um als Bettler für den Schrein zu dienen. Nein, sie zeigt ebenso Menschen, die als Täter und nicht als Opfer gelten. Aber auch hier löst sie eindeutige Reaktionsmuster gerne auf und versucht, den Betrachter dazu zu bringen, sich in die betreffenden Menschen hineinzuversetzen. Für die Serie "Rahmenbedingungen" (1994) (im Keller zu sehen) nahm sie als Ausgangspunkt das Foto des sogenannten "Rostocker Hosenpissers", der bei ausländerfeindlichen Krawallen in den frühen 1990er Jahren aufgetreten war. Dieser Neonazi verkörpert nicht nur Gewalt, er will nicht nur Angst machen, sondern er hat offenkundig selbst Angst, ja ist so aufgeregt, daß er die Kontrolle über seine Blase verloren hat. Damit aber hat man fast schon Mitleid mit ihm – zumindest aber so viel Mitgefühl, daß man anders und genauer als üblich nachfragt, was für Menschen das eigentlich sind, die sich für faschistische Ideen begeistern können. Vielleicht zum ersten Mal überhaupt versucht man, sich in einen solchen Menschen hineinzudenken.

Beate Passow hat sieben Versionen dieses Neonazi gestaltet, die sich jedoch nicht im Bild, sondern allein in dessen Rahmen unterscheiden (deshalb auch der Titel "Rahmenbedingungen"). Mal barock verschnörkelt, dann minimalistisch schlicht, mit rotem Passepartout oder aus edlem Holz sind diese Rahmen – so daß für jeden Geschmack und jedes Milieu etwas dabei ist. Das aber heißt: Beate Passow gibt uns die Mahnung auf den Weg, daß jeder Mensch, auch ein noch so unsympathischer Gewaltverherrlicher, überall zuhause sein kann. Und daß wir, wo und wer auch immer wir sind, uns nicht damit begnügen dürfen, einen anderen, nur weil er uns fremd ist, von uns fernzuhalten. Vielmehr haben wir die Pflicht, uns andere Menschen so nahe wie möglich zu bringen. Und dank der Kunst Beate Passows haben wir auch die Chance, dies leichter und besser zu tun als sonst. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen in dieser Ausstellung viele gute Begegnungen, nicht nur mit Nachbarn und Freunden, sondern gerade auch mit den vielen Fremden, die Beate Passow mitgebracht hat!