Gegen das Vergessen – Den Finger an die Erinnerungswunden legen
   
  Die Zeit heilt alle Wunden, dieses deutsche Sprichwort ist so stark ins allgemeine Bewusstsein gesenkt, dass das Verschwinden von Verletzungen nur eine Frage der Zeit zu sein scheint und man bereit ist, sich allenfalls über Zeitdauer von Trauer, Wut und Erinnerung Gedanken machen zu wollen. Diesem, einem der dümmsten, gebräuchlichen Sprichwörter der deutschen Sprache, steht das Wissen entgegen, dass nichts einfach verschwindet und sich in Nichts auflöst - weder eine physikalische Energie, noch ein Gedanke, der in das öffentliche Bewusstsein gedrungen ist, noch Bilder, die sich in unsere Vorstellungswelt einmal eingenistet haben, noch, und das gilt es hier besonders zu unterstreichen, Unmenschlichkeiten, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die tiefe Verletzungen hinterlassen haben. Es verschwindet nichts im Unsichtbaren, nicht mehr Spürbaren. Allenfalls kann man diese die Gedanken und Gefühle bestürmenden Phänomene verdrängen und so vergessen. Wird dieses Vergessen aber notorisch und zwanghaft, muss man es mit dem klinischen Namen der Amnesie bezeichnen; denn es handelt sich dann um Gedächtnisschwund.

Beate Passow arbeitet gegen das Vergessen. Sie legt in ihren Bildfindungen den Finger an die Wunden der Erinnerung; sie legt ihn nicht in die Wunde, wie es der ungläubige Thomas tun musste, um zu erkennen. Denn die Phänomene sind keine Glaubensangelegenheiten, sondern faktisch nachvollziehbare, sichtbare und überprüfbare Gegebenheiten. Da also nichts erfunden werden muss, sondern allein aufgedeckt und verdeutlicht, dient der Künstlerin die Photographie als das geeignete Ausdrucksmittel. Mit der Kamera werden die Ergebnisse der Erkundungen, die langen Reisen zu den Fundorten dokumentiert, ohne dass dabei die Frage nach dem geographischen Raum vordergründig sich einstellen könnte. Die Fundorte sind meist Menschen, seltener Objekte.

Beate Passow arbeitet gegen das Vergessen. Wir leben heute in einer Zeit, die sich zukunftsorientiert gibt und dabei die Vergangenheit aus dem Auge verliert. In die Zukunft aber kann wohl nur der schauen, der auch den Blick zurück kennt. Thomas Mann gebraucht das Wort "einst " gern, da in ihm das Vergangene wie das Künftig raunt. Allein im Verlust der unterschiedlichen Zeitformen im allgemeinen Sprachgebrauch wird schon deutlich, dass wir eigentlich weder die Vergangenheit gut im Blick haben, denn von den drei Vergangenheitsformen hat sich fast nur noch eine erhalten, noch die Zukunft ins Auge fassen können, denn beide Formen des Futurs sind ausgestorben. Künftige Ereignisse bezeichnen wird ungeniert in der Gegenwartsform, ein zweites Futur ist den meisten gänzlich unbekannt. Allein aus diesem sprachlichen Mangel heraus kann man wohl zuverlässig schließen, dass wir nur dem Augenblick verhaftet denken. Dass aus einer solchen Position heraus das Vergangene verdrängt werden muss und das Künftige nur als eine vorgelagerte Gegenwart begriffen werden kann, zeigt die Wichtigkeit einer künstlerischen Arbeit wie sie Beate Passow präsentiert: aus der Memoria, der aufgenommenen und verinnerlichten Erfahrung des Vergangenen, sinnvolle Schlüsse für ein künftiges Handeln zu entwerfen. So gilt die Arbeit nicht allein einem Aufzeigen von Phänomenen, sondern schließt darin auch die Aufforderung an den Betrachter mit ein, sich ein Bild zu machen, wie die eigene Zukunft sein wird oder wie sie sein soll.
   
  Dr. Helmut Friedel